Reichsbahndampf im Sommer 1983

Im Juli 1983 weilte ich nur zehn Tage in Dresden, da für Ende August noch ein Urlaub im Engadin geplant war und ich in der Zwischenzeit noch ein wenig jobben musste, denn die Schweiz war bekanntermaßen noch nie billig.

Also verschwendeten mein Freund Steffen und ich keinen Tag und gingen schon am Tag nach meiner Ankunft auf Tour.

Ich möchte noch vorausschicken, dass der Sommer 1983 einer der heißesten Sommer in den 1980er Jahren war und selbst nach heutigen Maßstäben als unangenehm heiß gelten würde. Ansonsten war dieses Jahrzehnt eher kühl und feucht.
Die Ausflüge waren dementsprechend schweißtreibend und teilweise sehr anstrengend, da unsere fahrbaren Untersätze -natürlich- keine Klimaanlage besaßen!




23.07.1983: Rochsburg, Lommatzsch, Friedewald, Pulsnitz, Arnsdorf

Eigentlich wollten wir im Tal der Zwickauer Mulde rund um Rochlitz auf Dampflokjagd gehen, aber leider fielen an diesem Tag sämtliche Dampflokleistungen aus. Somit reichte es nur für ein paar dampffreie Aufnahmen in Rochlitz.
Also zogen wir weiter in Richtung Osten und erwischten den N62310 in Lommatzsch; als Nächstes besuchten wir die Lößnitzgrundbahn beim Dippelsdorfer Teich. Anschließend reichte die Zeit noch um den N60205 bei Pulsnitz auf die Platte zu bannen.


24.7.1983: Löbau, Kamenz

Nachdem wir am Samstagabend das Wiedersehen ausgiebig mit dem aus Freising mitgebrachten Tragl (hdt. Kasten) Huber-Weißbier (sehr lecker !!) gefeiert hatten, wurde am Sonntag erst mal ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt.

Dermaßen gestärkt wollten wir der Heizlok der Est. Löbau (im Hochsommer ) einen Besuch abstatten und machten uns ganz gemütlich auf den Weg in die Oberlausitz.

Als Tagesabschluss sollte dann noch der nachgeschobene N66225 von Senftenberg nach Kamenz auf dem Programm stehen.


25.7.1983: Zeutzsch, Stadtroda, Kretscham-Rothensehma, Wolkenstein, KMS-Rottluff

Das nächste Reiseziel sollte das Saaletal sein um die 41er der ESt. Göschwitz im Reisezugdienst abzulichten. Wir erwischten den P5018 bei Zeutzsch und setzten dann nach Gernewitz bei Stadtroda an der Strecke Göschwitz - Gera um.
Wir postierten uns auf einer Straßenbrücke und erwarteten den P6017 nach Gera, während dessen ein babykackebrauner Trabant in Schrittgeschwindigkeit an uns vorbeifuhr und ein aufgedunsenes Gesicht uns wortlos anstarrte.
Kurze Zeit später kam der Zug, aber auch ein Wartburg der Volkspolizei; wir machten unsere Fotos und wurden dann von den Vopos kontrolliert. Es wurden die Papiere inspiziert und heftigst hin und her gefunkt; schließlich stellte sich heraus, dass die Visumsstelle in Berlin ein >n< mit einem >m< in der Adresse verwechselt hatte und wir nun höchstverdächtig dastanden. Zu allem Pech parkte mein Auto unweit einer Behelfsausfahrt an der Autobahn, so dass man mich für einen Transitsünder hielt. 45 Minuten dauerte es, bis sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten und man uns gnädigerweise ziehen ließ. 
Das Denunzieren ist anscheinend eine genetische Veranlagung mancher Menschen ... ich könnte denen ins Gesicht kotzen!

Wir aber zogen weiter ins Erzgebirge ... von der thüringischen Gastfreundschaft hatten wir erstmal genug!



28.7.1983: Harz

Nachdem wir uns zwei Tage Erholung gegönnt hatten, beschlossen wir der Hitze der Großstadt zu entfliehen und einen Tagesbesuch in den Harz zu unternehmen. Da mich die Mallet-Loks der HSB besonders interessierten, sollte der Schwerpunkt des Besuchs auf der Selketalbahn liegen.
So waren wir kurz nach fünf Uhr morgens auf der Piste und erreichten nach flotter Fahrt über die A 14 bald Halle, von wo aus es über Land in den Harz weiter ging. 
Da wir uns von Osten her näherten, lag es nahe uns zuerst der Selketalbahn mit ihren Mallet-Maschinen zu widmen, bevor wir weiter nach Wernigerode wollten. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich den Betrieb auf der Selketalbahn mit den Mallet-Loks so erleben durfte. Spätere Besuche waren nur noch ein müder Abklatsch von dem, was wir damals erlebten.
Das erste Ziel des Tages war der Bahnhof von Alexisbad, wo gerade die 99 5901 an der Hilfsbekohlung für die nächste Fahrt restauriert wurde.

Zur Information hier der Sommerfahrplan 1983 der Schmalspurbahnen im Harz.

Wer noch gerne etwas mehr Harzbahndampf in bewegten Bildern erleben möchte, dem sei mein Film auf YouTube ans Herz gelegt:

Harzer Schmalspurbahnen von Richie57


31.7.1983: Dresden-Marienbrücke, Bw Dresden-Altstadt,  Kamenz, Arnsdorf

Den letzten vollen Tag meines Aufenthaltes wollten wir ein wenig ruhiger angehen lassen und uns auf Dresden beschränken, aber wie es immer so kommt, dann wurde doch noch ein kleiner Ausflug in die westliche Lausitz daraus.
Der erste Programmpunkt sollte der P4856 sein, der einer der letzten dampfgeführten Personenzüge ab Dresden Hbf war und als eine verlässliche Dampfleistung des Bw Kamenz galt. Nach dem Fototermin auf der Marienbrücke statteten wir der "Brücke der Jugend" (Nossener Brücke) einen Besuch ab um einen Blick ins sog. "hohe C" zu werfen, also dem Lokschuppen unterhalb der Brücke.
Danach ging es dann doch noch auf´s Land hinaus um die neue Heizlok des Bw Kamenz, die 95 1016 zu begutachten. Doch es erwartete uns in Kamenz noch eine noch viel größere Überraschung ...

* Anmerkung zum Einsatz der 95 1027:

Im Rahmen einer Leserreise des Eisenbahn-Kuriers war den Veranstaltern der Einsatz einer Lok der Baureihe 95 zugesichert worden. Die Kamenzer 95 1016 war zwar voll betriebsfähig, aber der Abbau der Heizlokutensilien (Kohlekasten, Dampfentnahmevorrichtungen etc.) hätte einen viel zu hohen Aufwand erfordert, so dass kurzerhand die 95 1027 aus Probstzella nach Kamenz beordert wurde. Gegen harte Devisen war damals alles möglich in der DDR.
Ich persönlich empfinde es heute noch als Quatsch eine absolut ortsuntypische Lokomotive für eine Sonderfahrt einzusetzen, aber so war es nun eben im "Paradies der Werktätigen"!