Berge und Eisenbahn im Oberengadin

Im Jahr 1978 verbrachte ich meinen wohlverdienten Wehrdienst-Urlaub im Oberengadin. Ich machte wunderbare Bergtouren in einer wunderschönen Landschaft. Die Eisenbahn kam damals etwas zu kurz, aber die Bergwelt des Engadins war so spannend und fesselnd, dass ich vieles einfach ausblendete.

Hinterher ärgert man sich zwar, dass man nicht dies oder jenes fotografiert hat, aber die Imposanz dieser herrlichen Berglandschaft macht einfach allen Ärger vergessen.

Der Herbst 1980 zog mich dann wieder in den Bann der Berge, aber das erzähle ich dann noch später ...

Übersicht:



Beifang im Oberengadin

Eigentlich war ich zum Bergsteigen und -wandern ins Oberengadin gekommen und hatte dabei die Rhätische Bahn noch gar nicht so richtig auf dem Radar. Die wenigen Eisenbahnbilder entstanden hauptsächlich als Nebenprodukte oder eben als Beifänge zu meinen Bergtouren.

Aber ich sollte wiederkommen ... 



Postkarte der Bernina-Bahn aus den Anfangsjahren.
Der Zug der Bernina-Bahn ist auf dem Weg zum Ospizio Bernina. Im Hintergrund sehen wir den Cambrena Gletscher (Vadret dal Cambrena), der damals fast bis zum Lago Bianco hinabreichte. Eingerahmt wird die Szenerie von den Gipfeln des Palü-Massivs.


Mit solchen Postkarten grüßte man früher seine Freunde oder die Verwandschaft aus der Sommerfrische.

Für diesen Urlaub in Pontresina war ich besser auf die Rhätische Bahn vorbereitet, denn ich hatte im Jahr zuvor in Holland (!) das Buch von John Marshall "Metre Gauge Railways in South and East Switzerland" sowie im örtlichen Buchhandel das Buch von Franz Marti und Walter Trüb "Die Rhätische Bahn" erstanden. Kurz vor der Abfahrt war mir auch noch der "Reiseführer zu den Privatbahnen der Schweiz - Bd. 3: Südost-Schweiz" von Dr. Hermann Bürnheim in die Hände geraten. 

Dermaßen gut vorbereitet sollte die Fahrt gen Süden dann auch starten, aber nicht ohne vorher die ausführliche Wettervorhersage für das Engadin studiert zu haben. Die Aussichten waren nicht berauschend und es wurde Winterausrüstung empfohlen. Also schnell die Winterreifen auf den Golf aufziehen und es kann losgehen ... wenn da nicht an einem Rad ein Radbolzen gebrochen wäre und das genau am Samstagabend vor der Abfahrt.
Mit nur drei Radmuttern sollte man nicht losfahren und so überließ mir in dankenswerter Weise meine liebe Mutter ihren 1500er VW-Käfer für die nächsten zwei Wochen.
Etwas gemächlicher als im Golf, aber zuverlässig und vergnügt verlief die Fahrt in Richtung Alpen. Immerhin konnte man auf der A7 in diesem Jahr schon bis Kempten-Leubas durchfahren, was bei dem wenigen Verkehr damals noch völlig stressfrei war. Ab Kempten ging es dann über die B309 (heutige St 2520) bis Pfronten und anschließend über Reutte, den Fernpass und das Unterengadin bis zu meinem Zielort Pontresina. Es ist schon unglaublich wie viele landschaftliche Schönheiten diese Route aufweist.

Das Wetter erwies sich in den nächsten zwei Wochen als recht konstant und sogar ziemlich sonnig und warm. Von Schnee, wie zwei Jahre zuvor, keine Spur ...  aber man weiß ja nie ...


Beifänge im September 1980

Einige Berg- und Klettertouren standen natürlich im Mittelpunkt der ersten Woche im Oberengadin, so dass nur sporadisch ein paar Aufnahmen entstanden.
Die Einzelheiten stehen in den Bildbeschreibungen.


Rippenprellung und "Aktion Silberdistel" Teil 1 - 24.09.1980

Am 22.9. hatte ich eine schöne Bergtour von der Alp Languard über die Segantini-Hütte zu den Muottas Muragl gemacht und wollte zur Krönung der Tour von dort aus ein Foto über die Engadiner Seenplatte machen. Dabei erklomm ich einen etwa vier Meter hohen Felsen, rutschte dabei etwas unglücklich aus und schlug mit voller Wucht mit dem Brustkorb an einen Vorsprung. Mir blieb die Luft weg und hatte nur noch stechende Schmerzen im unteren Rippenbereich. Zum Glück musste ich nicht mehr lange laufen, denn zur Standseilbahn war es nicht weit und das Postauto fuhr von der Talstation alle Nase lang nach Pontresina. Die Diagnose des supergechillten Arztes am nächsten Tag in Pontresina lautete auf schwere Rippenprellung und er verschrieb mir Murmeltiersalbe ... ... und möglichst wenig körperliche Anstrengung. Bei der Rechnung, die ich später zuhause erhielt, war ich dann überhaupt nicht gechillt ...  
Eines vorweg: Die Salbe hat tatsächlich geholfen, trotz aller Skepsis!
Da es ja vorerst mit jeglichen Bergaktivitäten vorbei war, entschied ich mich zum Kauf des "Silberdistel-Tickets
*" für zwei Tage und wollte dies zur Erkundung des RhB-Netzes nutzen. Das Fahrplan-Heftchen der RhB gehörte ja zur Grundausstattung und so war die Fahrtroute für den ersten Fahrtag auch schnell geplant.
 
Die Fahrt verlief dann folgendermaßen:
Pontresina ab 7.00 mit P424; Tfz.: ABe 4/4 504 - Samedan an 7.07
Samedan ab 7.15 mit D124 "Glacier-Express"; Tfz.: Ge 6/6 707 "Scuol" - Chur an 8.59
Chur ab 9.10 mit D725 "Glacier-Express"; Tfz.: Ge 4/4 610 "Viamala" - Disentis/Mustér an 10.23
Disentis/Mustér ab 11.46 mit P740; Tfz.: Ge 4/4 614 "Schiers" - Chur an 13.11
Chur ab 14.09 mit P844; Tfz.: Be 4/4 513 - Landquart an 14.28
Landquart ab 14.48 mit D65; Tfz.: Ge 4/4 520 "Zernez" - Davos Platz an 15.55
Davos Platz ab 17.20 mit P271; Tfz.: Ge 4/4 608 "Madrisa" - Filisur an 17.49
Filisur ab 19.04 mit D175; Tfz.: Ge 6/6 706 "Disentis/Mustér" - Samedan an 19.45
Samedan ab 19.52 mit P475 Tfz.: Abe 4/4 503 - Pontresina an 20.00
Insgesamt gefahren an diesem Tag: 466 km


*Das Silberdistel-Ticket erlaubte die freie Fahrt auf dem Gesamtnetz der Rhätischen Bahn, mit den Postautos und auf vielen Bergbahnen in Graubünden.


Rippenprellung und "Aktion Silberdistel" Teil 2 - 26.09.1980

Nach einem Ruhetag mit Kultur und Wellness folgte dann Teil 2 der Kreuzfahrt über die Schienen der Rhätischen Bahn.

Es hieß wieder einmal früh aufstehen und etwas früher als gewöhnlich frühstücken, denn das Frühstücksei braucht eine gute halbe Minute länger als im Flachland, da das Wasser in 1800m Seehöhe schon bei 94°C kocht ...  und wieder mal unnützes Wissen unter die Leute gebracht! 

Mein Logbuch für diesen Tag sah dann wie folgt aus:

Pontresina ab 7.00 mit P424; Tfz.: ABe 4/4 501 - Samedan an 7.07
Samedan ab 7.12 mit P307; Tfz.: Ge 6/6 415 - S-chanf an 7.34
S-chanf ab 8.03 mit P311; Tfz.: ABe 4/4 503 - Scuol-Tarasp an 9.00
Scuol-Tarasp ab 9.47 mit P340; Tfz.: Ge 4/4 605 "Silvretta" - Samedan an 11.02
Samedan ab 11.08 mit D525 "Bernina-Express"; Tfz.: Gem 4/4 801+802 - Tirano an 14.20
Tirano ab 15.40 mit D570 "Bernina-Express"; Tfz.: Gem 4/4 802+801 - Pontresina an 16.46
Insgesamt gefahren an diesem Tag: 310 km  

Die Unterengadinerlinie wird hier und die Bernina-Bahn hier recht ausführlich beschrieben.
Leider habe ich es bis zum heutigen Tag nicht geschafft die Arosa-Linie zu bereisen, aber irgendwann mache ich das auch noch!
Auch ein Besuch der Misoxer-Bahn war mir zu unsicher, da auf dem verbliebenen Reststück zwischen Castione-Arbedo und Roveredo nur sporadisch Güterverkehr stattfand und keiner der überaus freundlichen RhB-Mitarbeiter mir Auskunft erteilen konnte, da sie selbst die Verkehrszeiten nicht kannten.